Wurzelechte Reben

Bollinger Vieilles VignesDie Reblaus sucht sämtliche Anbaugebiete Frankreichs sowie der meisten anderen europäischen Länder heim. Nur wenige Gebiete auf der Erde sind reblausfrei, und die Reben brauchen dort nicht gepfropft zu werden. Seltsamerweise gibt es auch innerhalb befallener Regionen einzelne reblausfreie Lagen. Man erklärt sich dies im Allgemeinen durch das Vorhandensein von Sand, eines Bodentyps, den die Reblaus verschmäht. Doch gibt es auch mauerumschlossene Weinberge, in denen reblausfreie, wurzelechte Reben gedeihen. Bollinger besitzt in Aÿ eine Lage mit reblausfreien Reben; ihre hohe Mauer könnte zwar eine kleine Armee aufhalten, doch bleibt es ein Geheimnis, warum der kleine Käfer nicht einfach unter dem Tor durchgekrabbelt ist. Bollingers reblausfreie Reben in Aÿ sind schon ein Rätsel, doch sein Weingarten am Rand von Bouzy ist noch merkwürdiger. Fährt man von Louvois nach Bouzy und biegt links zum Dorf ab, kommt man an einer Rebfläche vorüber, die auf einer Tafel stolz als „Bollingers Vieilles Vignes“ bezeichnet wird. Es ist eine dreieckige Parzelle, die sich zur Straße hinunter erstreckt und deren längste Grenze an eine riesige Rebfläche stößt, deren Gewächse gepfropft werden müssen, um der Bedrohung durch die Reblaus zu entgehen.
Wo ungepfropfte Reben angebaut werden, pflanzt man sie gewöhnlich „en foule“ (in der Masse); man folgt damit der Reberziehungsmethode, die im 19.Jahrhundert in der gesamten Champagne allgemein verbreitet war. Wie aus dem Namen hervorgeht, handelt es sich hier um eine Erziehungsmethode, bei der die Reben sehr dicht stehen. Sich selbst überlassen, würde ein Rebstock sich aufs Geratewohl ausbreiten und das Land wie ein Teppich überziehen. Zu Anfang wird der Weinberg in einer Ecke oder an einem Ende sehr dicht mit rund 6 Rebstöcken auf 1 Quadratmeter bestockt. Nach 2 oder 3 Jahren sind diese Rebstöcke bereit zur „provignage“ oder zum Vergruben. Im Spätherbst oder Frühwinter werden 1 oder 2-zweijährige Triebe von jeder Mutterrebe 15 bis 20 Zentimeter tief in den Boden verlegt, sodass die einjährigen Triebe im nächsten Jahr die Früchte tragen. Die abgesenkten zweijährigen Triebe schlagen Wurzeln, und nach zwei Jahren trägt ein „neuer“ Rebstock Früchte. Diese Methode der Vermehrung gibt es in zwei Varianten: bei der Provignage à l’avance legt man einen Trieb pro Rebstock nach vorn; bei der Provignage à l’ecart werden zwei oder mehr Triebe seitlich nach vorn abgesenkt. Ist eine Rebe 5 Jahre alt, gewährt man ihr eine Zeit lang Ruhe, bevor man das Vergruben wieder aufnimmt; danach kann das Verfahren bis zu 50 Jahre fortgesetzt werden. Obwohl ein auf diese Weise kultivierter Weinberg immer nur höchstens dreijährige Rebpflanzen zu enthalten scheint, stammen diese selbstverständlich alle von ihren Mutterpflanzen ab. Eine „wurzelechte“ Rebe kann also, je nachdem, wie man es sieht, 3 oder 83 Jahre alt sein. Von Zeit zu Zeit müssen die „Mutterpflanzen“ ausgewechselt werden. Das geschieht am einfachsten dadurch, dass man den nächsten zweijährigen Trieb ganz herumbiegt und neben der ausgelaugten Mutterpflanze absenkt.
Im April werden alle Ruten, die von Februar an kräftig aus dem Boden sprießen, bis auf das 2. Auge zurückgeschnitten. Zur Unterstützung werden Pfähle in den Boden getrieben. Im Mai oder Juni werden die Triebe an der Spitze der Pfähle zusammengefasst und befestigt, ähnlich wie beim Gobelet-System, das im Beaujolais angewandt wird. Zur Zeit der Weinlese können es bis zu 4 oder 5 Fruchtruten sein. Im Spätherbst werden die Pfahle herausgenommen, und man schneidet überflüssiges Blattwerk zurück. Der Rebstock steht jetzt in einem Laubhaufen und bleibt den Winter über bis zum Rebschnitt im Januar oder Februar so stehen; dann werden alle Ruten bis auf das einjährige Holz zurückgeschnitten oder zwecks Ablegerbildung abgesenkt, womit der Kreislauf aufs neue beginnt.
Werden „en foule“ angelegte Weinberge gerodet, geht man umgekehrt vor, beginnt mit dem ältesten Rebstock, der Mutterpflanze, und arbeitet sich bis zum jüngsten Ableger vor. Ist der Weinberg noch fruchtbar, schafft man durch Zurückbiegen und Absenken von einer oder zwei-zweijährigen Ruten neue Mutterpflanzen, ehe man mit der Rodung beginnt. Bedarf der Boden der Nährstoffergänzung, werden sämtliche Rebstöcke ausgerissen und das Land ein paar Jahre brach liegen gelassen, ehe neue Rebstöcke gesetzt werden und der Kreislauf von vorn beginnen kann.

Foto: © lemiebollicine.com

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