Die Weinlese in der Champagne

Nach einem Jahr harter Arbeit im Weinberg beginnt mit der Weinlese der nächste Schritt des Herstellungsprozesses. Der offizielle Beginn der Weinlese wird vom CIVC für jeden Weinbauort und jede Rebsorte vorgeschlagen. Die Kommission der Republik des entsprechenden Departements gibt den offiziellen Startschuss. 440 über das gesamte Anbaugebiet verteilte Kontrollpunkte melden dem CIVC mit Beginn der Traubenreife zweimal wöchentlich das Durchschnittsgewicht der Trauben, den Reifegrad, den Zucker- und Gesamtsäuregehalt sowie den Prozentsatz an Graufaule. Der CIVC bildet daraus Durchschnittswerte. Normalerweise beginnt die Weinlese im Zeitraum von Mitte September bis Anfang Oktober, ca. 100 Tage nach Beginn der Blüte. 1955 war der Lesebeginn bereits in der dritten Augustwoche, 1972 und 1984 gegen Mitte Oktober. Seit 1987 berücksichtigt man auch lokale Klimazonen. Die Weinbauorte können den Lesebeginn um einige Tage verschieben und somit den Reifeprozess verlängern. Der Winzer muss den Reifegrad seiner Trauben in jeder Parzelle genau kennen. Als Hilfemittel zur Bestimmung des Zuckergehalts bzw. des zum Zuckergehalt proportionalen potenziellen Alkoholgehalts dient ihm ein Refraktometer (le réfractometre).
Seit 1935 legt die AOC Champagne jedes Jahr den mindestens erforderlichen potenziellen Alkoholgehalt des Mostes fest, z.B. 9 Vol. % 2005 und 8,5 Vol. % 2007. Bei einem geringeren Wert darf der Most nicht zu Champagner verarbeitet werden. In der Praxis veröffentlicht das INAO seit 1979 vor der Weinlese zwei Grenzwerte, den erforderlichen Mindestzuckergehalt in g Zucker/L (la richesse minimum en sucre) und den erforderlichen potenziellen Mindestalkoholgehalt (le titre alcoométrique naturel minimum des moûts). Der potenzielle Alkoholgehalt muss grundsätzlich einen Wert von 7,5 Vol. % erreichen.
Die Trauben werden nur von Hand gepflückt. Bei der maschinellen Lese würde ein Teil der Trauben zerplatzen. Beschädigte, unreife und verschimmelte Trauben sortiert man aus. Beschädigte blaue Trauben können den Most dunkel verfärben, unreife Trauben die Qualität mindern und verschimmelte die Gärung ungünstig beeinflussen.
Das Lesen der Trauben ist hart. Pro Reihe kommen zwei Helfer (les couteurs) zum Einsatz. Sie legen die mit speziellen Scheren geschnittenen Trauben in einen Korb (le panier, 2 bis 3 kg). Ein Helfer (le porteur) trägt die Körbe ans Ende der Reihe und füllt sie dort in 50 kg fassende Kisten aus Kunststoff. In den durchlöcherten Kisten werden die Trauben beim Transport zur Presse nicht zerdrückt.

Wegen der starken Belastung der Knie wird immer bergauf geschnitten. Bücken (wegen der niedrigen Weinstöcke), knien (die blauen Trauben hängen oft in Bodennähe), aufstehen, Korb weitersetzen, Regen, Matsch, Sonne, Wind, schwitzen, frieren – eine aufreibende Arbeit. Moët & Chandon schließt mit Studenten zunächst einen Wochenvertrag ab, mit Rentnern aus Epernay, die bereits die Arbeit kennen, einen Vertrag über die gesamte Weinlese. Ein Leser erntet pro Tag 300 bis 400 kg, drei Leser in 12 Tagen etwa 11.000 bis 14.000 kg, ungefähr den Ertrag eines Hektars. Der Chardonnay ist ertragreicher als die blauen Sorten. Das bedeutet viel Arbeit für den Porteur. Als Ausgleich für die harte Arbeit trifft man sich abends zum Essen, bei dem es lustig und ausgelassen zugeht.
Der CIVC legt jährlich in Abstimmung mit dem INAO die erlaubte Höchstmenge fest, die u.a. vom möglichen Ertrag, vom Bestand der eingelagerten Reserve und von der wirtschaftlichen Lage abhängt. Aufgrund der Mengenbegrenzung werden in manchen Jahren nicht alle Parzellen abgeerntet.

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