Der Rebschnitt

Sich selbst überlassen, würde ein – gepfropfter oder ungepfropfter — Rebstock all seine Energie aufwenden, Triebe auszusenden, die ihrerseits Wurzeln ausbilden und den Zyklus neu beginnen lassen würden. Nach 2 oder 3 Jahren würde der größte Teil der Triebe nicht mehr von den Wurzeln der Unterlagsrebe abhängen, sondern von dem regenerierten Wurzelsystem der fruchttragenden Rebe und wäre damit auf Gedeih und Verderb der Reblaus ausgeliefert. Ironischerweise würde jener Teil der Rebe, der seine Hauptnahrung immer noch von der Unterlage bezieht, auf die er aufgepfropft wurde, seine eigenen Triebe aussenden, die – würden sie nicht beschnitten – unerwünschte Hybridenfrüchte hervorbringen. Vor der Reblaus waren das Beschneiden und Erziehen der Reben, wenn auch weithin üblich, nicht unbedingt nötig -, nach dem Auftreten der Reblaus wurde beides unumgänglich. Hauptgrund für den Rebschnitt und die Reberziehung ist also die Vermeidung von Reblausbefall und die Verhinderung einer Rückverwandlung.
Darüber hinaus sind Schnitt und Erziehung wichtige Aspekte im Weinbau, um die Reinheit der fruchttragenden Pflanze zu erhalten. Es geht jedoch nicht nur um Gesundheit und Lebenskraft der Pflanze, sondern auch um die Kontrolle von Qualität und Quantität der Frucht und um die Beeinflussung von Größe, Form und Höhe, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.
Durch den Schnitt wird beschädigtes oder krankes Holz entfernt und damit der Ausbreitung von Fäulnis entgegengewirkt; gleichzeitig werden die Säfte in die produktiven Teile der Pflanze gelenkt. Der Rebschnitt beeinflusst Qualität und Quantität der Trauben, da er die überflüssige Ausbildung neuer, saftreicher Triebe auf Kosten der Fruchtbildung verhindert und die Produktion allzu vieler Fruchtstände auf Kosten neuen, gesunden Wachstums unterbunden wird, was sonst zu schlechteren Erträgen führen und den Rebstock schwächen würde.
Um zu verstehen, warum bei den verschiedenen Reberziehungsarten unterschiedliche Schnittpraktiken angewandt werden, muss man wissen, was beim Beschneiden der Triebe geschieht. Außer in der Ruhezeit der Rebe steigt der Saft bis in die Spitze eines jeden Triebes; die oberste Knospe einer beschnittenen Rute bricht als erste auf und treibt aus. Die Entfernung von Holz oberhalb eines Auges oder eines Triebes lenkt die Energie in dieses Auge oder diesen Trieb. Je stärker der Rückschnitt, desto kraftvoller erfolgt die Reaktion; ist also mehr Wachstum in eine bestimmte Richtung erwünscht, muss der betreffende Teil der Rebe besonders stark beschnitten werden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Pflanze durch den Rebschnitt ein Teil der durch die Blätter erzeugten Nahrung entgeht; dieser muss durch zusätzliche Nährstoffzufuhr über die Wurzeln ersetzt werden, sonst wird die Pflanze geschwächt. Der Rebschnitt verzögert, während die neuen Triebe wachsen, auch die Blüte Umstand, der in so nördlichen Anbaugebieten wie der Champagne von größter Bedeutung ist. Vorzeitige Wachstum der Rebe im späten Winter oder beginnenden Frühling könnte dazu führen, dass die lebenswichtig Blüte den strengen Frühlingsfrösten ausgesetzt wird.
Durch die Reduzierung der Fruchtansätze verringert sich die Quantität erhöht sich jedoch die Qualität der Trauben. Horizontal oder diagonal verlaufende Fruchtruten haben mehr Triebe und sind daher ertragreicher als senkrechtes Fruchtholz.
Mit Hilfe der Erziehungsart, die Größe, Form und Höhe der Pflanze bestimmt, erreicht man die den lokalen Gegebenheiten der Lage und des Klimas entsprechenden höchsten Erträge. Reben können hoch über dem Boden erzogen werden, damit sie dem Frost entgehen, oder möglichst nahe am Boden, damit sie nachts die von steinigen Böden reflektierte Wärme erhalten; sie werden in weiträumigen Reihen gepflanzt, um sie der Sonne auszusetzen und vor Feuchtigkeit zu schützen; oder sie stehen dicht zusammen unter einem schützenden Blätterdach, damit sie nicht zuviel Sonne erhalten und in trockenen Regionen keine Feuchtigkeit abgeben müssen.

Video: © Champagne Bruno Paillard
Foto: © Champagne De Telmont

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